Angst vor der Konsequenz
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Die Angst vor der Konsequenz
Soll sich der Hund in seinem Verhalten ändern, muss sich zunächst der Mensch verändern."
Dr. Erik Zimen (†)
In einem nicht mehr existierendem Forum kam von einem mir gut bekannten Parson-Besitzer das Thema: Die Angst vor der Konsequenz! auf´s Tablett. Einer der Kernsätze war folgender:
Immer wieder fällt mir auf wie unpopulär es unter Hundehaltern ist, dem Vierbeiner eine konsequente Erziehung zukommen zu lassen.
Schon in Welpengruppen (sogenannten) werden Raufer toleriert mit der Aussage, der andere Hund müsste das ja auch lernen bzw. lernen sich zu wehren. Was der andere Welpe dabei lernt ist in meinen Augen mehr als einfach nur zweifelhaft, ganz davon abgesehen, dass der Raufer von "Kindesbeinen" an eine "dicke Hose" anhat.
"Ein gut geführter Hund rauft nicht!"
Dieses Thema hat mich damals so fasziniert, dass ich in´s Grübeln kam, meine Antwort kopierte und beschloß, dieses Thema den vielen anderen interessanten der Erziehung hinzuzufügen. Lange ist dann erstmal gar nichts passiert, weil das Thema sehr komplex ist und ich einfach nie den richtigen Ansatz fand oder schlicht die Zeit nicht hatte. Hier nun also, nach fast vier Jahren, meine Gedanken dazu.
Mein Ansatz war bei den Überlegungen nicht, ob Konsequenz in der Hundeerziehung wichtig ist oder notwendig, dies ist unstrittig und wird in Foren, Fach- oder weniger Fachzeitschriften rauf- und runtergebetet. Nein, mein Blickwinkel war eher der, WARUM es dann trotzdem so schwer fällt, dies umzusetzen. Meine Beobachtung in annähernd 13 Jahren durchgängiger Hunde- und seit 10 Jahren durchgängiger Rudelhaltung von bis zu fünf Hündinnen, stützt diese These. Konsequenz ist zwar in aller Munde, wenn es um das Erfolgsmittel in Sachen Erziehung geht, aber oft auch negativ besetzt, Konsequenz beinhaltet z.B. Einschränkung, Eingreifen, Verwehren, invasives Handeln - es könnte auch beinhalten: Klare Linie, berechenbare Haltung, Sicherheit - tut es aber in den Köpfen der Menschen oft nicht.
Dabei schreibt Wikipedia dazu durchaus differenziert: "Erzieherische Konsequenz bezeichnet pädagogisch angemessene, spürbare Folgen (Konsequenzen) zum Verhalten eines Kindes, insbesondere lernwirksame Belohnungen für gutes Bemühen, lehrsame Erfahrungen und eine Vermittlung von Erfahrung durch verständliche Worte und Hinweise. Nicht dazu gehören unangemessene Folgen (schädigende Konsequenzen, als hart angesehene Strafen oder auch Konsequenzen, die mit dem Verhalten des Kindes in keinem für das Kind ersichtlichen Zusammenhang stehen). Erzieherische Konsequenz bezeichnet andererseits eine Art des Umgangs mit dem Kind, die auf als angemessenen angesehene Folgen aufbaut und das Ziel verfolgt, die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes zu fördern und Streitigkeiten und Konflikte in Grenzen zu halten." (LINK zu Wikipedia)
Hier kann man das "Kind" durchaus mit "Hund" austauschen und kommt auch zu einem erzieherischen Ansatz für Hunde.
Das Thema Erziehung von Hunden auf Wikipedia ist hier zu finden. Diesen Artikel füge ich bewußt mit ein, weil hier schnell klar wird, wie komplex das Thema ist, hier auch mal unter Diskussion nachlesen.
Grund dafür mag sein, dass die meisten in unserer Gesellschaft gehaltenen Hunde als Familienergänzung, als Kumpel für alle "Felle" fungieren, ein Bruchteil wird in den Bereichen geführt, für die sie mal gezüchtet wurden, z.B. Jagd, Spürhunde, ein weiterer recht kleiner Teil findet seine Passion im Hundesport, hier weicht die reine Erziehung eher dem Begriff der Ausbildung. Erziehung hingegen deckt den Bereich ab, bei dem es darum geht, aus dem Hund einen alltagstauglichen Begleiter zu machen.
Wofür schaffen wir uns einen Hund an, wenn er in der Familie lebt: Meist mit dem Ziel, dass er unser Leben bereichern soll, verschönern, einen Zugewinn an Lebensqualität bringen, was auch immer das für den einzelnen bedeutet. Ein Hund ist uns oft so nah, wie kaum ein Mensch, klingt natürlich etwas schwierig, aber so ist es nun mal. Wie oft lese ich Aphorismen auf Homepages über Hunde, die meistens hervorheben, was ein Hund einem alles bedeutet, und oft auch, was er dem Menschen voraus hat. Kann ich mich selbst davon frei machen, nein, ich liebe alle unsere Hunde aus tiefstem Herzen, ein Verlust ist eine riesige Tragödie, das Älterwerden eines Rudelmitgliedes wird jetzt schon oft mit Tränen in den Augen beobachtet, und Panik steigt in mir hoch, wenn ich an den Tag X denke. Kein Hund ist wie der andere, alle sind sie einzigartig, haben unser Leben begleitet und vieles verändert.
Und, was hat das alles mit der "Angst vor der Konsequenz" zu tun?
Jetzt ist es eigentlich nicht mehr so schwer: Wir lieben unsere Hunde! Jeder Mensch auf seine Art. Ein Hund ist aber weiterhin ein Hund, egal, wie eng das Verhältnis ist, ob er im Bett schläft, am Tisch mitißt oder vielleicht im Zwinger lebt. Wir sind für ihn da, er hatte keine Wahl sich seine Familie, sein Rudel zu wählen, er wird von uns in die Familie geholt und von dem Tag an geht es für einen Welpen oder auch älteren Hund darum, seinen Platz zu finden. Und damit sind wir in der Pflicht... in der Pflicht diesem Wesen einen Lebensplatz zu geben, der ihm möglichst weit entspricht. Hunde sind anpassungsfähig, aber sie sollten Hunde bleiben dürfen.
Und das gestaltet sich oft schwieriger (vor allem für die Menschen) als erwartet. Wir stülpen nämlich einszweidrei unser menschliches Liebesgefühl gepaart mit den Wertvorstellungen von guter Erziehung dem Hund über, und fertig ist das Familienidyll!? Der Hund aber agiert gemäß seiner ganz eigenen Wertvorstellungen, ihm geht es speziell um die Befriedigung seiner Hauptinteressen, wie Fressen, Spielen, seine Triebe auszuleben oder am warmen Ofen ein Nickerchen zu halten, er ist da gar nicht so anspruchsvoll.
Wenn wir also unseren Hund entscheiden lassen würden, wäre die Welt für ihn ziemlich einfach. Dass dies aber nicht zwingend der Schlüssel zur trauten Zweisamkeit sein kann, dürfte klar sein,und so gestaltet sich das Zusammenleben oft auch ungeahnt schwierig. Hunde sind, wir hatten das schon, triebgesteuert und Opportunisten, sie sind immer auf ihren Vorteil bedacht, und, je nach Selbstbewußtsein fordernder oder raffinierter in der Durchsetzung ihrer Ziele, ein Hund denkt nicht darüber nach, sondern er tut das, womit es ihm dann letztendlich gut geht - für ihn einfach - und ein wichtiger Bestandteil dessen, wie ein Hund lernt.
Wir kommen wir dann also zusammen?
Agieren Sie mit ihrem Hund so, dass Sie klar und verständlich ihre Wünsche vermitteln, und dies auf eine Art, die für den Hund angemessen ist, werden Sie mit der Zeit erleben, wir ihr gegenseitiger Umgang immer leichter und vertrauter wird, und sich das "Verhältnis" ausgewogen gestaltet, zu einem Geben und Nehmen wird. Vermitteln Sie Ihre Vorstellungen hingegen halbherzig, heute mal so, morgen anders und übermorgen noch anders, zeigen sich unsicher, wird ihr Hund ebenso darauf reagieren, denn er kann so kein Vertrauen zu ihnen aufbauen, wenn er nicht weiß, woran er sich zu halten hat. Im Zweifel entscheidet dann irgendwann der Hund darüber, wann er was möchte und versucht es auch umzusetzen.
Wie stand es oben: Ein gut geführter Hund rauft nicht! Ein geführter Hund, nicht ein Hund, der selbst entscheidet, wann er was macht. Ein Hund ist kein Einzelgänger, ein Hund ist ein Rudeltier, welches enorm anpassungsfähig ist, und gem. seiner Genetik hervorragend in der Lage ist, in sozialen Gefügen zu leben. Aus der Reihe zu tanzen hat einem Rudelgefüge selten gut getan. Eine Familie ist zwar kein richtiger Rudelersatz, aber, ein Hund ist und bleibt, was er ist. Es geht also nicht darum, einen Hund permanent zu reglementieren, denn sie sind Lebewesen mit einem eigenen Willen und Bewußtsein, sondern das Ziel ist, dem Hund ein möglichst konfliktarmes und sicheres Leben in der menschlichen Gesellschaft zu ermöglichen. Und das ist, aufgrund der heutigen Anforderungen an z.B. in Familien lebenden Hunden, nicht immer einfach. Ein Familienhund hat eine Vielzahl von Umweltfaktoren zu meistern, gleichzeitig soll er sozial sicher agieren und natürlich möglichst unkompliziert im Umgang sein, ein nicht wirklich leichter Job für ihn. Nicht umsonst ist die artgerechte Haltung und Erziehung eines Hundes egal welcher Rasse zum "modernen Familienhund" eine so facettenreiche und vielfältige Aufgabe, dass dies eine wahre Herkulesaufgabe sein kann.
Konsequenz bedeutet also NICHT, einem Lebewesen irgendwelche Regeln entgegen aller natürlichen Bedürfnisse aufzudrücken, sondern es heißt auch, den vom Menschen gewählten Weg ständig objektiv zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Auch ein Hund kann wirklich wertvolle Vorschläge zum Zusammenleben erbringen, er will nur verstanden werden. Konsequenz heißt auch Fehler zu erkennen und zu beheben.
Konsequenz hat damit keinen negativen Beigeschmack, sondern ist am Ende der Schlüssel für eine vertrauensvolle Beziehung Mensch - Hund, Konsequenz hat in diesem Fall ganz viel mit Liebe und Akzeptanz des Wesens Hund zu tun, ihn so zu nehmen, wie es für ihn gut und "artgerecht" ist, ihn nicht zu vermenschlichen, sondern sich die Mühe zu machen, einen Hund als Hund anzunehmen und zu verstehen, ihm Regeln zu vermittleln, die ihm die Sicherheit geben, die er braucht, die auch morgen noch gelten. Konsequenz in der Erziehung eines Hundes soll ihm einen sicheren Rahmen geben, aus eben Konsequenz, Beschäftigung und Zuwendung. Das hat nichts damit zu tun, seinen Hund weniger zu lieben, sondern im Gegenteil, so schaffen wir eine eine Basis für ein gutes Zusammenleben. So erhält er so viel Grenzen wie nötig un
d soviel Freiheit wie möglich.
Und davor muß niemand Angst haben, er muß meistens nur ein wenig an sich arbeiten.
Anmerkung 1: Dieser Artikel beschränkt sich ausschließlich auf den Versuch, Hintergründe für die Aussage "Angst vor Konsequenz" in der Hundehaltung und -erziehung zu erforschen, nicht betrachtet werden die Themen: Wie lernen Hunde?, Positives Verstärken (Clicker) und weitere Möglichkeiten, den eigenen Hund auszubilden, zu erziehen usw.., denn das würde den Rahmen sprengen. Dies ist ein schwieriges Unterfangen, ich habe bisher im Netz nichts vergleichbares gefunden und ich bin sicher noch nicht am Ende meiner Beobachtungen angekommen, aber, wie immer: Der Weg ist das Ziel.
Anmerkung 2: Natürlich sind nicht alle Mensch-Hund-Beziehungen kompliziert, das wäre vermessen und schlicht falsch, dieser Eindruck soll nicht erweckt werden, es geht hier darum, vielleicht dem einen oder anderen Leser einen neuen Blickwinkel anzubieten, mit der Option für sich zu entscheiden, was er davon mitnehmen kann.
© Christiane Jantz 2012 - Weiterverbreitung, Veröffentlichung nur mit Zustimmung der Autorin. Verlinkungen mit Angabe der Quelle sind gern gesehen.
